»Straßen wie diese«

by 22. August 2014

Jener Text von Heinrich Böll, der in Chargesheimers Bildband „Unter Krahnenbäumen“ (1958) erschien und von einer Straße erzählt, die es heute so nicht mehr gibt. In Straßen wie diesen wird noch richtig gelebt, hier herrscht Anarchie. Diese Straßen sind kinderreich, an uralte Konventionen gebunden und können nur als Ganzes leben. Hier lebt es noch, uralt, stolz, unnahbar und seinen Gesetzen treu: Volk.

Beim Fotoworkshop der Photolodge war das Thema „Entdecke deine Stadt“. Weitab von dem Köln, das man von Postkarten und Souvenirshops kennt. Kein Dom, keine Touristen, weder ein Fluss, noch ein Trupp von Junggesellen, die ihren Abschied betrinken… Es ist aber immer noch dieselbe Stadt, dennoch taucht man in eine fremde Kultur ein, die sich mit dem „Rheinischen Frohsinn“ eng verbunden hat. Hier steht sich nichts im Weg. Marrakesh trifft Humboldt, Annemie auf Mehammed. Sie haben mehr gemeinsam, als ihnen wahrscheinlich bewusst ist. Eines ist mir sofort aufgefallen: Gemütlichkeit. Der Marokkaner vor dem Café beim Minztee, der Rheinländer beim Kölsch vor der Wirtschaft. Beide Kulturen leben nebeneinander her und auch miteinander, auch wenn es an der Sprache manchmal scheitert…
Ziel des Workshops ist es am Ende eine Ansammlung an Bildmaterial zu erhalten, das den Stadtteil von sich aus erzählt. Straßen und Menschen, die diesen Stadtteil auszeichnen, fast schon einzigartig machen. Eine Reportage soll entstehen. Der Text wird in Form von Interviews erstellt, von Erlebtem, von Erzähltem. Mancheiner war sofort offen für die Reportage und präsentierte gerne und freundlich seine Schneiderei, seinen Frisörsalon oder sein Lebensmittelgeschäft. Andere wiederum blieben scheu, berichteten zwar von ihren Lebensjahren in dieser Stadt, dem Verbrechen, der Gewalt, der hohen Mietkosten, den Kindern und dem satten Grün in dieser Stadt, wollten aber nicht vor die Kamera.

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Jeder Teilnehmer hat da seine eigene Herangehensweise. Ich bevorzuge das Detail: den festgetretenen Kaugummi auf dem Asphalt, die umgekippte Flasche Chantré oder die bepissten Säulen, die den Namen des Stadtteils eingemeißelt haben. Der Park an der Pulvermühle – noch nicht fertig aber schon wieder entstellt…

Andere Teilnehmer stürzen sich sofort in die Geschäfte, suchen den Kontakt zu denen, die das Viertel ausmachen. Beides ist auf seine Art wichtig, beides rundet die Reportage am Ende aber erst ab, machen das Stadtbild perfekt und geben dem Leser zu verstehen: Nur hier in diesem Stadtteil kann es so aussehen, das zeichnet mein Veedel aus…

Von Eindrücken überlagert und ein wenig erschöpft wird das Material nach drei Stunden Arbeit vom Workshopleiter begutachtet und auf den ersten Blick beurteilt. Kleine Verbsserungsvorschläge, viel Lob. Keiner wird vorgeführt oder Objekte belächelt oder lächerlich gemacht. Alles ist für sich richtig und gut so.
Was aber letzten Endes dabei raus gekommen ist, bleibt noch ein Geheimnis der Photolodge. Wird aber an dieser Stelle nachgereicht.